Leseprobe 2 aus 'Ich glaub nicht an Gespenster'

aus: "Der Ersatzmann"

"Was ist?" Cornelius war plötzlich mit weit aufgerissenen Augen stehen geblieben. Bisher war er als derjenige, der im Dunkeln am besten sehen konnte, leichtfüßig vorweg gegangen. Jetzt schien plötzlich eine Art Hustenanfall zu haben, jedenfalls stieß er mit bebenden Schultern irgendwelche Laute zwischen Krächzen und Keuchen aus.

Das musste ja irgendwann kommen! Marion stieß Sina an: "Ich hätte mir schon längst ’ne Lungenentzündung geholt in der dünnen Jacke." Beide seufzten. Wenn Cornelius jetzt auch noch krank wurde, war völlig Schluss mit der Romanze "geheimnisvoller Student liebt junge Lehrerin". Schade! Achselzuckend gingen sie weiter.

"Halt, bleibt stehen!" Zu spät erkannte Karsten die wahre Bedeutung des Zwischenfalls. Als die Jungen und Mädchen aus seiner Gruppe endlich reagierten und sich umdrehten, war die Gelegenheit schon verpasst.

"Was ist denn?"

Das kann ich euch nicht sagen, wusste Karsten. Sie hatten das in den Schnee gekratzte Kreuz, das ihren Führer so aus der Fassung gebracht hatte, schon zertrampelt. Cornelius erholte sich viel zu schnell von seinem Anfall, passierte die Stelle ohne Schwierigkeiten und setzte sich wieder an die Spitze. Prüfend musterte er beim Weitergehen jedes Gruppenmitglied einzeln. War er misstrauisch geworden? Mathias wagte es nicht, sich mit Florian und Nico zu besprechen. Hoffentlich kam kein weiteres Kreuz!

"Kr-chz!" Da war das Keuchen wieder. Und an dieser Stelle konnte auch niemand an ihrem Gruppenführer vorbei. Das verhinderten die steilen Felswände links und rechts. Cornelius starrte auf das in den Schnee gekratzte Kreuz in dem engen Durchlass zwischen den Felsen – und wich zurück.

Der endgültige Beweis!, dachte Karsten. Aber auch die Gewissheit, dass Cornelius auf jeden Fall Verdacht schöpfte! Um die letzte Wegbiegung herum, bis zu einer Stelle, von wo aus das Kreuz noch nicht zu sehen war, ging es zurück.

Als Cornelius sich zu ihnen umwandte, war sein bleiches Gesicht von scharfen Falten gezeichnet, als sei es plötzlich um Jahre gealtert. Seine fiebrig glänzenden Augen aber waren deutlich von einem rötlichen Schimmer erfüllt.

"Wir nehmen eine Abkürzung!" Die Stimme des Vampirs war immer noch rau und brüchig nach dem Hustenanfall. "Hier entlang."

Sie erkannten schnell, wohin er sie jetzt führte. Nach kurzer Zeit hatten sie die Höhlen unterhalb der Burg erreicht. Eilig steuerte Cornelius auf den mittleren Höhleneingang zu. Sie konnten ihm kaum folgen. Sollten sie das überhaupt? Wenn er sie nun in ein Falle lockte? Nico und Florian blieben in einiger Entfernung abwartend stehen.

Unvermittelt hörte man wieder das Krächzen und Keuchen. Was war los? Gab es da drinnen auch Kreuze? Karsten fing einen Blick zwischen Nico und Florian auf. Beide reckten einen Arm in seine Richtung. Es war mit den Handschuhen im Dunkeln nicht so genau zu erkennen, aber es sah so aus, als reckten sie triumphierend den Daumen hoch. Hier also hatten die Teufelskerle seine Taschenlampe und die Kreide eingesetzt!

Aber damit war auch die Zeit der Täuschung endgültig vorbei. Ihr Gegner wusste jetzt, dass er durchschaut war. Die Fronten waren klar. Wie würde er reagieren? Zum Angriff übergehen?

Cornelius kam rückwärts aus der Höhle gewankt und hielt sich mit der Hand die Kehle. "Wir nehmen..." Ein Husten unterbrach noch kurz seinen Satz. "Wir nehmen einen anderen Weg. – Da entlang!" Ziemlich wahllos zeigte er in irgendeine Richtung: Nur weg!

Er taktiert, erkannte Karsten. Er geht nicht zum Angriff über. Seine Position war offensichtlich geschwächt. Das bedeutete eine Art Unentschieden, oder?