"Still!" Tim lauschte in die Nacht. "Hörst du nichts?"
"Doch, das ferne Donnergrollen ab und zu höre ich auch."
"Es ist etwas Anderes - hier in der Nähe. Mach das Licht aus!"
Anja schob Taschenlampe und Schreibzeug wieder zurück in ihren Beutel. Dann hielten sie den Atem an und lauschten. Da näherten sich doch Schritte! Von mehreren Leuten! Jetzt hörten sie auch Stimmen.
"Ein Jammer ist das!", sagte die eine.
"Es war so eine schöne Falle.", gab die andere zurück.
"Möchte nur wissen,", fragte eine dritte Stimme, "wer uns dazwischen gekommen ist und die Eskorte frühzeitig aufgestört hat."
Jetzt hatten Schritte und Stimmen die Hütte erreicht. Die Eingangstür knarrte und die Gruppe betrat im Dunkeln den vorderen Raum. Was jetzt? Die hatten sich doch nicht etwa diese Hütte als Nachtquartier gewählt?
Da meldete sich noch eine vierte Stimme und die jagte Tim einen eiskalten Schauer über den Rücken: "Eigentlich ein todsicherer alter Straßenräubertrick: Wenn die Bewaffneten den Baum anheben, müssen sie die Musketen ablegen, können nicht schießen und schon schnappt man zu. Ihr seht, ich habe nichts verlernt."
Tim wusste noch nicht gleich, wessen Stimme das war. Aber der nächste Satz machte es ihm überdeutlich: "Wenn ich diese Ratten erwische, erwürge ich sie mit dieser meiner einen Hand. Und glaubt nicht, dass das nicht geht. Ich habe es erprobt."
Es gab kein Entkommen. Die Hütte hatte nur den einen Zugang durch den vorderen Raum und die Wände waren fest gefügt. Es gab keine losen Bretter, Fenster schon gar nicht.
Tim und Anja krochen hastig in den äußersten Winkel in der aberwitzigen Hoffnung, dass die vier wilden Gesellen sich vielleicht sofort ins Heu legen und einschlafen würden, und sie könnten sich dann heimlich an ihnen vorbei nach draußen stehlen.
Nein! Der erste, der hereinkam, legte sich genau in ihren Winkel, quer über sie! Kaum hatte der gemerkt, dass er da nicht allein im Heu lag, hatten seine Pranken auch schon, trotz der Finsternis, mit geübtem Räubergriff blitzschnell ihre Kehlen gefunden, als er rief: "Schaut, wen ich hier erwischt habe!"
Die anderen drängten heran, griffen im Dunkeln nach ihnen und grabschten und kniffen an ihnen herum. Bis der vierte der Gauner, der im vorderen Raum inzwischen Feuer geschlagen und eine Laterne entzündet hatte, hereinkam, hatten sie schon einen ziemlich vollständigen Eindruck davon, wie groß, wie alt und wie stark oder schwach die beiden Überraschungsgäste waren. Jetzt hob er die Lampe und leuchtete ihnen ins Gesicht.
Das Licht blendete sie, aber Tim konnte doch das Gesicht des Laternenträgers erkennen: die rotblond und grau gefleckte Zottelmähne, Augenbrauen und Bart genauso zerzaust und von derselben Färbung, die herabgezogenen Mundwinkel.
Lange starrten die wasserblauen Augen sie reglos an. "Ach schau mal an!", öffnete sich endlich der Mund und ließ die bekannten Zahnlücken sehen. "Wen haben wir denn da!" Dann zwinkerten die Augen, in der Dunkelheit kaum wahrnehmbar.
Tim holte schon Luft und fast hätte er gesagt: "Hallo Piet, lange nicht gesehen!" Aber da spürte er neben sich eine rasche Bewegung: Anjas Fuß, der im Finstern seinen Fuß verfehlt hatte. Den Ellbogen hatte sie nicht einsetzen können, weil die Räuber ihnen die Arme auf den Rücken gedreht hatten.
"Nun, Piet, ich denke, das sind die beiden Ratten, die uns den Überfall verdorben haben." Sie wurden zu dem alten Schurken nach vorne gestoßen. "Zeigst du uns jetzt deine einhändige Kunst? Welchen der beiden Burschen willst du zuerst erwürgen - oder schaffst du beide gleichzeitig?"